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Heimat - eine unsichtbare Religion

 Der Heimatverein für das Drolshagener Land holte mit dem Vortrag von Walter Wolf am 10.11.2021 zum Thema „Heimat – eine unsichtbare Religion“ den im letzten Jahr den durch die Corona Pandemie ausgefallenen Vortrag zum Thema „Heimat“ nach.
Mit diesem sehr kompakten und wissenschaftsbasierten Vortrag schloss der Referent Walter Wolf seinen Dreierzyklus zu „Heimat“ ab. Begonnen hatte es mit dem programmatischen Thema „Heimat – ein Begriff über den man reden muss“ im Jahr 2019, das auch zur inhaltlichen Orientierung im Heimatverein führte, wie der Vorsitzende des Heimatvereins für das Drolshagener Land zu Beginn der Veranstaltung betonte, als er die Teilnehmer begrüßte.
Der Referent begann mit einer Analyse der religiösen Situation in Deutschland, für die er eigens für diesen Abend eine Reihe aktueller empirischer Untersuchungen u.a. der Bertelsmann-Stiftung analysiert hatte. Er wies dabei auf den Rückgang der Religions- bzw. Konfessionszugehörigkeit in Deutschland hin, was u.a. nach aktuellen Prognosen zu einem Anteil von mehr als 50% Konfessionsfreien in unserem Land führt. Dass dabei sich weiterhin Menschen als religiös einschätzen, war der Ausgangspunkt, den religionssoziologischen Ansatz der „unsichtbaren Religion“ nach Thomas Luckmann aufzuschlüsseln. Danach verlieren die Kirchen ihre Bedeutung für die Gesellschaft, während die Menschen weiterhin als Sinnsuchende unterwegs sind. Sie erfahren diesen Sinn allerdings überwiegend in der Privatsphäre, in ihren persönlichen und sozialen Erfahrungen. In die entstandene Leerstelle, die die christlichen Religionen in unserem Land hinterlassen haben, so der Referent, treten andere Sinnangebote, die soziologisch „funktionale Äquivalente“ genannt werden. Unter anderem tritt der Begriff Heimat an die Stelle der religiösen Orientierung, was der Referent eindringlich darstellte. Religion und Heimat bieten so u.a. Geborgenheit, Trost und Orientierung.

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 Dies machen sich auch die rechtspopulistischen Organisationen („z.B. „Zukunft Heimat“) oder Parteien zunutze. Walter Wolf konnte aufweisen, dass das Thema „Heimat“ deren Hintergrundideologie ist, das auch wegen der von diesen bewusst unbestimmt gelassenen Begrifflichkeit verfängt. Im Umkehrschluss wies er auch auf, dass gerade die Rechtspopulisten in den Bundes- aber auch europäischen Ländern (wie Ungarn) mit den meisten Konfessionsfreien vom „christlichen Abendland“ reden, ohne selbst religiös zu sein. Sie benutzen diesen Begriff nur strategisch, um ihre Aversionen und Hass gegenüber einer Gruppe, die sie mit deren Religion identifizieren, nämlich die Muslime, auszudrücken und sich selbst als die Bewahrer der Kontinuität darzustellen. Für andere, so stellte der Referent dar, war wiederum die Religion ihre Heimat, vor allem für Muslime in der jüngeren Generation. Auch hierzu legte er wissenschaftliches Material vor.

Tröstlich war der Abschluss des Referates, bei dem er auf die Prognosen des ersten Refreates verwies. In einer der letzten Untersuchungen zum Populismus (20202) konnte eindeutig belegt werden, dass der Trend abgeschwächt wurde, vor allem, weil die politische Mitte sich nicht weiter der Mittel der Populisten bediente. Das war schon im ersten Referat angedeutet und nun bestätigt worden. Gleichzeitig prognostiziert allerdings diese Untersuchung auch, dass sich die AfD bei diesem Rückgang weiter radikalisieren werde.

Überraschung brachte auch eine Erkenntnis der oben genannten aktuellen Studie, dass es nicht nur die Modernisierungeverlierer der unteren sozialen Schichten, sind, die dem Populismus huldigen, sondern dass der Populismus auch besonders bei Menschen mit höherem Bildungsabschluss und höheren Einkommen ausgeprägt ist, weil diese von der Annahme ausgehen, dass populistische Positionen „sozial erwünscht“ seien.
Nach dem Referat ergab sich noch eine längere Diskussion, die einzelne Aspekte des Vortrags vertiefte. Der Vorsitzende Stephan Schlösser bedankte sich bei den Teilnehmenden und dem Referenten für die wieder erhellenden Beiträge und Ausführungen, die auch dem Heimatverein weiter Stoff zur Orientierung geben würden.