Heinz Stachelscheid und Familie in Peru

Aus dem schönen Arequipa im Süden Perus grüße ich Euch alle ganz herzlich. Seit Januar 2007 arbeite ich hier als Fachkraft des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED) beim Centro de Estudios para el Desarrollo Regional (Studienzentrum für Regionalentwicklung), kurz CEDER, einer Nichtregierungsorganisation, die sich vor allem der Förderung ländlicher Entwicklungsprojekte im Hochland von Arequipa, Moquegua und Puno widmet.

Zurzeit führen wir in mehreren Indiogemeinden in der Nähe des Titicacasees ein Projekt zur Verbesserung der Lebenssituation kleinbäuerlicher Familien durch, deren Lebensgrundlage die Alpakazucht und die Vermarktung ihrer Wolle ist. Die Indio-Familien leben allesamt in kleinsten Siedlungen auf über 4.000 m über dem Meeresspiegel, einige sogar auf knapp 5.000 m. Eine solche Armut, wie sie in vielen dieser "estancias" herrscht, ist mir zuletzt vor knapp zehn Jahren in Somalia begegnet: Viele der Kinder sind mangelernährt, haben Krätze oder leiden an Magen-Darmparasiten. Die Kindersterblichkeit liegt in einigen Gemeinden um die 30%, der Schulbesuch ist unregelmäßig, und die Eltern, vor allem die Mütter, sind oft Analphabeten. Leider waren zu Beginn unserer Tätigkeit auch die Kamelidenherden alles andere als gesund: Neben parasitären Erkrankungen beeinträchtigen Mangelernährung und Inzucht die Tiergesundheit. Ich hatte während meiner Zeit in Ecuador in den Kursen immer auf das hohe Zuchtniveau der Alpaka- und Lamaherden in Perú verwiesen, leider musste ich mich hier vor Ort eines Besseren belehren lassen: Fast überall im Land sank bis vor kurzem die Qualität der Herden und damit auch zwangsläufig die der Wolle, von den Einkünften der Familien ganz zu schweigen. Der starke Preisverfall für Alpakawolle auf den internationalen Märkten vor einigen Jahren als diese, vor allem durch mangelnde Werbung und die Einführung ständig neuer synthetischer und atmungsaktiver Stoffe in den reichen Industrieländern immer mehr ins Hintertreffen geriet, hat einen Teufelskreis ausgelöst, deren Hauptleidtragende die Indios des peruanischen Hochlandes sind: Schlechte Wollpreise bedingen ein mangelndes Interesse der Familien an Qualitätsverbesserung, die Herden degenieren, dies wiederum lässt die Preise weiter fallen... Die Indios sind dabei das schwächste Glied in der Vermarktungskette, den Zwischenhändlern, die die Alpakawolle vor allem nach Arequipa transportieren, gnadenlos ausgeliefert. In Arequipa selbst, wo sich etwa 85% der peruanischen Alpakawollstrickereien befinden, liegen die fertigen Pullover, Schals und Mäntel in den feinen Geschäften zu deftigen Preisen im Regal: Da kann ein Baby-Alpakamantel schon mal € 1.000 kosten, und die wunderschönen maschinell gestrickten Pullover sind unter € 80 auch kaum zu haben, dabei wiegen sie gerade mal ein halbes Kilo. Ein Kilo Babyalpakawolle aber bringt dem Kleinbauern beim Verkauf an den Zwischenhändler gerade 'mal 10 Soles, umgerechnet € 2,50... Wenn dann ein Kälteinbruch im "Sommer", mit über 30cm Schnee und Temperaturen von minus 15°C dazu kommen, wie im Juli 2004 geschehen, ist der finazielle Ruin der Familien vorprogrammiert. In etlichen Gemeinden waren damals mehr als die Hälfte aller Jungtiere gestorben. Um die Herden in Zukunft vor solchen Naturkatastrophen besser zu schützen, hat CEDER mit finanzieller Hilfe der Europäischen Kommission damals begonnen, mehrere Hundert Unterstände aus guten Materialien für die Alpakaherden zu bauen, in enger Zusammenarbeit mit der Dorfbevölkerung: Die Bewohner errichten die Aussenmauern aus Lehmziegeln oder Steinen, das Projekt stellt das Dach und zwei stabilisierende Säulen im Eingangsbereich; die Ställe sind 10x7 m gross und ca. 3 m hoch. Daneben haben wir bereits mehr als 250.000 Alpakas und Lamas gegen Haut- und Darmparasiten behandelt, veranstalten Kurse auf Dorfebene zu Tiergesundheitsthemen und bilden derzeit 40 Tiergesundheitspromotorinnen und –promotoren in speziellen Kursen aus. Unser Team, insgesamt 8 Peruanerinnen und Peruaner, arbeitet sehr effizient und ist hochmotiviert, was für mich eine sehr angenehme Überraschung ist. In unserem Büro in Arequipa geht es auch immer sehr munter zu, alle sind bemüht, das Geld so sparsam und sinnvoll wie möglich auszugeben. So übernachten wir in den Projektgebieten fast ausschliesslich in den kleinen Aussenbüros von CEDER oder aber in "Hotels", bei denen im Preis von knapp 2 Euros die Flöhe bereits enthalten sind.

 
Auf unseren Anfahrten in die verschiedenen Projektzonen, die oft über 8 Autostunden von Arequipa entfernt liegen, können wir fast immer Vicuñas und Guanacos, die Wildformen der Alpakas und Lamas, beobachten, aber auch Viscachas, die Andenkaninchen mit ihrem langen Schwanz, oder Guayatas, schwarzweisse Gänse, die sich auf über 4.500 m erst so richtig wohl fühlen. Insgesamt ist das ökologische Gleichgewicht in dieser Gegend noch weitestgehend erhalten, wenn es auch, bedingt durch die ungerechten Wollpreise, gefährdet ist, denn viele Familien haben in den letzten Jahren auf "Masse statt Klasse“ gesetzt, und obwohl die Alpakas sich in tausenden von Jahren in idealer Weise dem Leben in den sogenannten "Bofedales“ (Feuchtwiesen) angepasst haben, sie z.B. nicht auf scharfen Klauen sondern auf den Fußballen laufen und beim Weiden das Wurzelwerk der Pflanzen nicht verletzen (im Gegensatz zu Schafen und Ziegen), lassen sich bei ständiger Überweidung doch Ersionsscháden feststellen. So motivieren wir die Familien, die Tiere mit schlechter Wollqualität auszusortieren und die Weibchen nur von den besten Alpakahengsten belegen zu lassen, "empadre controlado“ nennt sich das. Daneben geben wir Tipps zum fachgerechten Scheren und Vorsortieren der Wolle sowie zu deren Zwischenlagerung in trockenen Räumen. Ausserdem haben wir es geschafft, direkten Kontakt zu den wollverarbeitenden Betrieben aufzunehmen und die Vliese direkt, also ohne Zwischenhandel, zu vermarkten. Dadurch haben sich die Wollpresie im letzten Jahr praktisch verdoppelt, was viele Familien motiviert, weiterhin auf Qualitätsverbesserung zu setzen. Doch noch gibt es viel zu tun: Mittelfristig wollen wir erreichen, dass die Kooperativen ihre Wolle selbst weiter verarbeiten und verkaufsfähige Endprodukte herstellen... Mein Traum ist es, fertige Pullover, Jacken, Schals, Mützen, Socken etc. Über einen Fair Trade Vermarkter direkt nach Europa zu exportieren. Dafür müssen wir aber noch viel harte Arbeit leisten und die Frauen vor allem im Bereich Design und der Feinarbeit weiterbilden, wobei ihnen Diana, meine Frau, in Zukunft wohl Hilfe leisten wird, denn sie soll in Kürze ebenfalls als Designerin mit einem EED-Vertrag unsere Projekte unterstützen.

Arequipa selbst, unsere neue Heimat, ist eine sehr liebenswerte Grossstadt mit knapp 1 Mio Einwohnern. Der rechteckige Zentralplatz prunkt mit riesigen Palmen, einem wunderschönen Springbrunnen, einer imposanten Kathedrale und den zweigeschossigen Laubengängen, die sich entlang der drei verbleibenden Seiten erstrecken. Aber auch die zahlreichen Klosterkirchen zeigen die ehemalige Bedeutung der Stadt. Das Katarinenkloster ist dabei wohl eines der grössten in Südamerika überhaupt und ähnelt von aussen eher einer mittelalterlichen Burganlage. Insgeamt ist Arequipa überschaubarer und besser organisiert als Lima, es gibt keine ausgedehnten Armutsviertel, die Bewohner sind sehr freundlich und hilfsbereit. Ausserdem dürfte es wohl weltweit die Stadt mit den meisten Taxis pro Einwohner sein, wobei die allermeisten Autos tagsüber als normale Familienfahrzeuge dienen und erst am Abend, wenn die Innenstadt sich mit Kunden füllt, zu Taxis umfunktioniert werden. 
Wir wohnen im alten Stadtteil Yanahuara, auf der anderen Seite der alten Bolognesi-Brücke, in einer ruhigen Seitenstrasse und mit Blick auf den 5828m hohen Misti. Meine Joggingstrecke verläuft entlang des Chiliflusses, der das Gletscherwasser dieses Vulkans zum nur 75km entfernten Meer befördert. Dabei liegt Arequipa noch gut 2.300m hoch. Das Bemerkenswerteste an Arequipa aber ist sicherlich sein Klima: Seit unserer Ankunft am 02. Januar 2007 haben wir eigentlich nur Sonnentage gehabt, erst vor zwei Wochen hat es zum ersten Mal etwas Regen gegeben. Tagsüber wird es nie wärmer als 23°C, nachts nicht kälter als 10°C. Fast jeden Abend gibt es spektakuläre Sonnenuntergänge, wenn der Misti kurz nach 18.00 Uhr in rotgoldenes Licht getaucht wird. Die Sekretärinnen und ich nutzen diesen Moment für eine Kaffepause und geniessen den Blick vom Balkon unseres Büros aus. Ansonsten wird fast einmal rund um die Uhr gearbeitet, von acht bis sieben, denn es gibt jede Menge zu tun. Meine drei Frauen fühlen sich auch sehr wohl in Arequipa, Emmy und Samira gehen in die Deutsche Schule bzw. den dazu gehörenden Kindergarten, und Diana hilft uns mit ihrem graphischen Fachwissen bei der Erstellung von didaktischem Material und Handbüchern.

Die Fahrten in unser Projektgebiet beginnen oft schon um 4.00 Uhr morgens, denn die Strassen sind teilweise in einem jämmerlichen Zustand und erlauben oft nur Geschwindigkeiten von 30km/h. Viele unserer Einsatzorte liegen aber mehr als 250 km entfernt, und so sind Anfahrten von mehr als 7 Stunden normal. Letzte Woche sind wir mit grossem Gefolge zur Einweihung von drei weiteren Ställen gefahren. Über 50 Indiofamilien erwarteten uns; es gab viel Musik und Tanz, dazu gebratenes Alpakafleich mit Dickebohnen und Chuños, das sind an der Luft gefriergetrocknete Kartoffeln, die so länger haltbar gemacht werden und in der Suppe einfach wieder aufquellen, allerdings mit einem veränderten Geschmack, der an geräucherten Speck erinnert. Das kleine Dorf Jucumarine, in dem die Feier stattfand, liegt wunderschön auf knapp 4.500 m Meereshöhe oberhalb eines riesigen "Bofedal", einer Feuchtwiese, auf der die Alpakaherden tagsüber grasen, dahinter erhebt sich der 5.500m hohe schneebedeckte "Hualcana". Die landschaftliche Schönheit ist teilweise überwältigend, aber solange sich die Infrastruktur nicht wesentlich verbessert, wird sich wohl kaum ein Tourist in diese Gegend verirren...

Dennoch laden wir Euch alle ganz herzlich ein uns zu besuchen, es gibt sehr viel zu sehen und zu erleben hier in Arequipa, und die grossen touristischen Highlights liegen auch nicht allzu weit entfernt: Das Colcatal mit seinen Condorkolonien, Puno mit dem Titicacasee, Cuzco mit seinen inkaischen Mauern und natürlich das grossartige Machu Picchu.