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Jörg Stamm baut Brücken aus Bambus in verschiedenen Ländern Lateinamerikas.

Damals, - in den siebzigern -, hab ich schon Buden und Brücken gebaut, sicherlich zum Leidwesen der Förster und Waldbesitzer. Richtige Schneisen hab ich in die Schonungen gehauen, um aus den schlanken Fichtenstämmen die Baumbuden im alten Steinbruch am Schmierhagen zu zimmern. Das hat Spass gemacht, da haben wir von der Alten Landstrasse unsere Ritterburg gehabt und in regelrechten Tannenzapfenschlachten gegen die Banden von Jungen aus anderen Stadtteilen gekämpft. Mit Pfeil und Bogen wurde Robin Hood gespielt und hinter der Alten Mühle Zugbrücken über den Rosebach gebaut. Ich will lieber gar nicht nachrechnen, wieviele Kilo Nägel ich verkloppt habe, wieviele Bohlen von Vatter Stamms Bauhof dort vergammelt sind oder von der nächsten Frühjahrsflut weggerissen wurden.

Wer hätte damals gedacht, dass diese gespielte Welt immer noch existiert, nur das daraus hier in Kolumbien mittlerweile mein Alltag geworden ist. Heute baue ich aus den hier fast als Unkraut wachsenden Bambusstangen neue Häuser, Schulen und Brücken. Ein Teil meiner Arbeiter waren fleissige Lehrlinge und haben jetzt schon ihre eigenen Bambus-Bauunternehmen.

Wie kommt es, dass gerade aus Drolshagen relativ viele Missionare stammen und neuerdings auch Handwerker in aller Welt arbeiten?
Erst recht fragt man sich, wie kommt denn solch ein Drolshagener Bengel gerade nach Kolumbien? Wou is dat dann übberhaupt?

Schuld daran ist sicher die Kirche, - was haben wir denn auch sonst gemeinsam?

Vielleicht hab ich`s aber auch mit meiner Heimatverbundenheit damals übertrieben. Ich erinnere mich gerne an die Volkshochschule mit Felix Stahlhacke, Hubertus Halbfas und die Erntefeste in der Wünne. Denn da war ich recht aktiv in der KJG. Bei Sommerlagern, später bei Pfarrfesten, sogar im Pfarrgemeinderat war ich voll dabei. Hab mich für Befreiungstheologie interesiert und sogar Publik Forum abonniert. Damals schon haben mich unsere beiden Missionare, Hermann Stahlhacke und Laurus Schwarte fasziniert, und es hätte nicht viel gefehlt, da wär ich sogar bei den Franziskanern eingestiegen... Nur gut, dass vorrübergehend eine nette Olperin dazwischen gekommen ist.....
Nach dem Zivildienst bei der Caritas in Attendorn bin ich dann zwar aus dem katholischen Club ausgeschieden, habe mich aber weiterhin sozial engagiert.

Wenn ich so darüber nachdenke, warum so manch Drolshagener in die Weite Welt gegangen ist, dann sicher auch deswegen weil es im netten, kleinen, erzkatholischen Drolshagen doch reichlich eng ist und man also irgendwann einen gewisser Überdruck an sozialer Kontrolle empfindet.
In meinem Falle gab es jedenfalls mal solch eine Phase,- nach dem Abitur-, da bin ich erst in Deutschland und dann in ganzen freien Europa herumgeträmpt, um mal zu sehen, was es denn noch auf der Welt gibt. Durch einen sympathischen Nachbarn in der Südstrasse namens Boris Rodriguez hab ich dann Vertrauen gefunden, auch mal in die damals noch sogenannte „Dritte Welt“ zu reisen. Mit der Abfindung von anderthalb Jahren Behindertenbetreuung gings dann zum erstenmal über den grossen Teich. In Peru, bei Rodriguez´ Schwester, fing ich an Spanisch zu lernen, und dabei hab ich gesehen, das die Mütter anderer Völker auch schöne Töchter haben. Aber auch dort gilt: Ohne Knete - keine Fete, also musste ich wieder zurück in die Heimat und legte erst mal wieder die Füsse unter den Tisch.
Nur gut, das sich das meine Eltern nicht lange gefallen liessen, also gings weiter in die Lehre, um wenigstens etwas Praktisches zu lernen. „Uni“ kam damals nicht in Frage, denn nach 15 Jahren (13 fürs Abitur + 1 ½ als Zivi bei der Caritas in Attendorn) auf verhassten Schulbänken dachte ich eher ans „Budenbauen“ als an die Akademie.
Dazu kam, dass ich während der Lehre ´ne Zwischenstation als Affenforscher in Madagascar eingelegt hatte. Ein Biologe, Bernhard Meier aus Grevenbrück, hatte mich als Französisch-Dolmetscher und Feldassistenten für seine Doktorarbeit in der Primatenforschung engagiert. Er hatte wohl den Sauerländer „Budenbauer“ für sein wissenschaftliches Abenteuer im Dschungel für lebenswichtiger angesehen als Musterstudenten mit zwei linken Händen. War auch gut so, jedenfalls bekam ich in den nächsten 6 Monaten ein intensives Biologiestudium und hatte die Ehre, zwei neue Affenarten zu mitzuentdecken. So habe ich den damaligen Traum eines jeden Biologiestudenten, einmal im Leben `ne neue Art zu beschreiben, bereits gelebt. Schlussfolgerung: wozu da noch jahrelang studieren.

Naja, zuhause gilt das natürlich nichts, nach dem Motto: ohne Titel - keine Mittel, musste ich dann erst mal die Schreinerlehre hinter mich bringen. Damals galt das Vorurteil (wobei sie auch Recht haben), dass Abiturienten für den Lehrherrn reine Zeitverschwendung sind, erstens fragen die zuviel und zweitens hauen die sowieso wieder ab. Vielleicht hatten die Dräulzer Schreinermeister auch nur Angst um Ihre netten Töchter, - so sprang ich dann wiedermal dem Schicksal von der Schüppe und ging nach Olpe. Na und dann kamen die Gesellenjahre, - hei, das war ´ne Party: Ordentlich Geld auf der Tasche, noch jung und hübsch, ... und abenteuerlustig. Nach ein paar Jahren Wanderschaft gings wieder zurück nach Drolshagen, es wurde ein bischen herumgeschreinert, aber irgendwie wurde mir Drolshagen zu muffig. Oder ich mir selbst?

Alles war plötzlich anders. Die meisten meiner Freunde hatten geheiratet, haben feste Verpflichtungen, Hausbau, Ehekrisen...., und das schlimmste von allem: in Drolshagen begann das grosse Kneipensterben, - jahrhundertalte Bräuche sind vom Aussterben bedroht.

Ich muss sagen, dass mir die gesellige Sauferei im katholischen Drolshagen doch so was wie Gemütlichkeit und Geborgenheit gegeben hat und auch die soziale Enge ein bischen lockerte. Man kennt ja bei uns die armen Burschen aus dem lutherschen Umland (ehemalig feindliches hessiches und bergisches Ausland), wenn sie sich zu Karneval in Drolshagen erholen. Diese herrliche katholische Doppelmoral hat mir später im katholischen Südamerika das Zusammenleben erleichtert, die Norddeutschen tun sich hier erheblich schwerer. Die Gastfreundlichkeit in Drolshagen und auch auf dem Olper Schützenfest wurde von meinen gelegentlichen, meist internationalen Gästen immer sehr gelobt. Da war erstaunlicherweise nie etwas von Fremdenhass und kühler deutscher Distanz, vielleicht haben wir noch `ne Menge frohes lateinisches Erbe aus kurkölnische Zeiten oder aus der Zisterzienser-Sub-kultur, aus der ja im 17. Jahrundert auch mal von 'ner schwangeren Äbtissin zu berichten war.

In den langen Winterhalbjahren bin ich viel gereist. Im Sommerhalbjahr gab´s immer Arbeit und schwarz bezahlte Überstunden, von denen ich meist nach Weihnachten ein Flugticket kaufte und in den tropischen Süden reiste. Mal gings zu Pater Schwarte nach Recife in Brasilien, oder zu Johannes Niggemeier in die „Favelas“ von Rio de Janeiro, mal zu Heinz Stachelscheid nach Ecuador, jedenfalls immer in ein neues Land, zu neuen Sprachen, neuen Mentalitäten, denn die Latinos sind so unterschiedlich wie die Europäer. Die Latinas dagegen fand ich überall gleich sympathisch, und so dauerte es auch nicht lang, bis ich mich festgeküsst hatte.

Und jetzt bin ich schon 12 Jahre glücklich verheiratet, wo gibt´s so was noch?

Meine Eltern und die meisten meiner Geschwister waren sogar schon mal hier in Popayan, einer historischen Kleinstadt im Süden Kolumbiens. Umgeben von immergrünen saftigen Weiden liegt das Stadtchen in mitten der beiden Kordilleren, deren Vulkangipfel bis 4800 Meter raufgehen. Das Klima ist morgens angenehm wie im unserem Frühjahr, mittags ist Hochsommer und nachmittags regnets meistens ein bischen. Abends kommen dann die kühlen Winde von den Bergen und man muss schon mal einen Pullover anziehen, oder sich mit ein paar Freunden und ´ner flasche Rum vom Arbeitstage erholen.

Ganz in der Tradition meiner Familie habe ich hier ein kleines Bauunternehmen mit angeschlossener Zimmerei und neuerdings auch Schreinerei. Hier wächst ein 25 Meter langer Riesenbambus, Guadua genannt. Damit lässt sich genauso bauen wie damals auf dem Schmierhagen, nur dass mein Vater heute den Flurschaden nicht mehr bezahlen muss, denn das Zeug wächst 12cm pro Tag und gilt als naturfreundlicher Baustoff.

Auf der Wanderschaft hatte ich die historischen Holzbrücken bewundert, und heute baue ich in deren Tradition hier bis 40 Meter lange, ziegelgedeckte Bambusbrücken zu durchaus konkurrenzfähigen Preisen.
Angefangen hat diese Bambusbauerei nach einem Erdbeben in einem Andental. Eine 20 Meter hohe Schlammlawine, getriggert durch das Beben, hatte Häuser, Schulen und Strassen weggeschwemmt, 2000 Personen sollen damals umgekommen sein, 20.000 waren obdachlos geworden. Moderne Baustoffe mussten eingeflogen werden, aber mit den lokalen natürlichen Rohstoffen wurde schon mal notdürftig wiederaufgebaut. Das hat dem noch vorhandenen natürlichen Waldbestand nicht gutgetan, und wir entwickelten dann mit dem nachhaltig nutzbaren Riesenbambus ein neues Bausystem. Mehrere Brücken, Schulen und Gemeindezentren habe ich in der Fogezeit gebaut.


Glücklicherweise waren die Baubehörden anfangs sehr tolerant und nach relativ kurzer Zeit von „Versuch und Irrtum“ wussten wir, wie mit den Stangen zu arbeiten war. Die notwendigen technischen Daten wurden mit Hilfe der Aachener Universität, vom Institut für Tragwerkslehre nachgeliefert, mit der mich Sondermann´s Henrik in Verbindung gebracht hatte. Heute gibt es eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl und wir veranstalten einmal im Jahr einen „Bambus- Workshop“ um diese Öko Architektur weiterzuentwickeln. So bin ich doch noch an die „Uni“ geraten, und gelegentlich finanziert von GTZ, UNO oder Europïscher Union, fliege ich mittlerweile in der halben Welt herum, um dieses Wissen in Teorie und Praxis auch in anderen tropischen Ländern zu unterrichten. So bin ich noch zu einer Art „Missionar“ geworden, glücklicherweise aber kann ich meine Frau manchmal mitnehmen, denn die moderne Entwicklungshilfe ist nicht mehr zölibatär organisiert.

So steh ich denn ganz in der Tradition der Zisterzienser, die ja vor 800 Jahren die Zivilisation nach Drolshagen brachten. Oft denke ich zurück an die Terrassen auf den Feldern an der Südstrasse, denke an die Hohlwege aus dem Mittelalter und die Lebensbedingungen der Menschen, die in dem unwirtlichen Tal versuchten, die Waldgrenze nach oben zu schieben. In Kolumbien kann man so manches davon nachvollziehen, denn hier hat man kein langweiliges Leben.

Ich bin auf den Ellbogen durch mittelalterlich anmutende Zinnbergwerke gekrochen, habe Brücken in Gegenden gebaut. wo das 17. Jahrhundert noch allgegenwärtig ist. In den Bergen sitzen immernoch Räuber und spielen Robin Hood, werfen allerdings mit Handgranaten statt mit Tannenzapfen. In den Städten und den Gebieten mit asfaltierten Strassen ist man zwar in dieser Hinsicht sicherer, allerdings sollte man nicht so schnell fahren, denn die korrupten Staatsangestellten klauen die Steuern, und deshalb sind die Strassen voller Löcher.

Andererseits sitze ich hier in Popayan in der Hängematte, mit meinem Labtop auf dem Schoss, wohne in einem modernen Haus, wie es genausogut am Hüsterberg stehen könnte. Mit Breitband Internetanschluss und Kabelfernsehen ist die gebildete Mittelschicht Kolumbiens genausogut an die erste (und die gesammte) Welt angeschlossen wie jeder Drolshagener auch. Manch einer nutzt das und studiert fleissig. Es gibt pfiffige Leute, und ich habe hoch motivierte Arbeiter, die man im Deutschen Handwerk nicht mehr oft findet. Ausserdem kann man noch bauliche Experimente machen, die in Deutschland weder bezahlbar, noch aus Genehmigungsgründen möglich sind. Hier gibts die Freiheit, die ich meine, wenn sie auch manchmal in die Anarchie abdreht.

Ab und zu, meist einmal im Jahr, hab ich die Möglichkeit auf meinen Reisen in Deutschland zwischenzulanden. Ich komme gerne nach Drolshagen, es ist noch immer meine Heimat, denn so ganz warm werde ich hier doch nicht. Aber noch halt ich´s aus hier unten im Paradies (oder im Busch ), - wer weiss, ob ich mich nochmal irgendwann an das stramme Regelwerk in Deutschland gewöhnen muss.

Manchmal kommen mir dennoch die Tränen, besonders wenn mich mein Vater fragt: „Warum bis´te denn immer noch da unten, hier in Drolshagen isset doch sooooo schööön?“

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