English

Wozu Geschichte verpflichtet

Überlegungen am Beispiel Drolshagen

Daß viele sauerländische Ortschaften auf ein Alter von tausend Jahren zurückschauen können und derartige Gedenktage auch gebührend feiern, ist das eine. Daneben rückt die bisweilen betrübliche Beobachtung, daß die bauliche und oft auch die geistige Substanz dieser Geschichtszeit "irgendwie" verloren ging. Zwar stimulieren die aus alten Papieren gewonnenen Gründungsdaten zu Jubiläumsfesten, blähen sich dann aber nicht selten über einer Vergangenheit auf, deren Zeugnisse dahin sind und dieser Geschichte keine Erfahrbarkeit mehr geben. Es kann also nicht genügen, Jubiläen zu feiern, ohne zu reflektieren, wozu die eigene Geschichte verpflichtet.

Eins, zwei, drei, im Sauseschritt... durch die Drolshagener Geschichte

Vor 525 Jahren verlieh der Kölner Erzbischof Ruprecht von der Pfalz als Landesherr der bescheidenen Ortschaft Drolshagen Soester Stadtrecht, mit dem auch Attendorn und Olpe ausgestattet waren. Das mag zur Halbzeit der bisherigen Ortsgeschichte gewesen sein, wenngleich die Anfänge von Drolshagen im Dunkel liegen. Um die Mitte des 9. Jahrhunderts war für die noch unbesiedelten Wälder des Südsauerlandes die Hauptrodezeit. Als Zeugen dieses Vordringens in die Wildnis gelten die zahlreichen -inghausen-Orte, von denen Drolshagen reichlich umgeben ist: Öhringhausen, Essinghausen, Germinghausen, Wegeringhausen, Iseringhausen, Berlinghausen. Ihre Gründung wird zwischen 850 und 950 angesetzt. Einer zweiten Rodezeit bis etwa 1100 werden Ortschaften mit den Endsilben -bracht, -bert, -pert, -mart und -mert zugerechnet. Zu dieser Gruppe zählt Hützemert, das größte Dorf des Drolshagener Landes. Da alle diese Ortslagen (mit Ausnahme Iseringhausen) höher gelegen sind, darf angenommen werden, daß die Gründung von Drolshagen mit seiner besseren und weiteren Tallage den anderen Gründungen vorauf ging. Die Anfänge dürften ins frühe 9. Jahrhundert datieren.
Olpe und Elspe gelten als von Attendorn abgepfarrte Kirchspiele. Wahrscheinlich ist die Pfarrei Drolshagen eine Tochtergründung von Olpe. Die Kirche, ursprünglich ein flachgedeckter Saal, wird auf Grund späterer Zeugnisse Anno von Köln (1056-1075) zugeschrieben, mit dessen Namen sich auch 1072 die Gründung des Klosters Grafschaft verknüpft. Dennoch begegnet die erste namentliche Erwähnung Drolshagens reichlich spät und zwar in Mirakelberichten eines Siegburger Mönchs zwischen 1183-1185, der von Drolshagener Bürgern erzählt, denen auf Fürbitte des hl. Anno wundersame Heilung zuteil geworden sein soll.
Das wichtigste mittelalterliche Datum für Drolshagen ist die Stiftung des Zisterzienserinnen-Klosters 1235 durch Graf Heinrich III. von Sayn und dessen Gemahlin Mechthildis von Landsberg, Nichte der hl. Elisabeth von Thüringen. Im Gefolge dieser Gründung wurde die vorhandene kleine Saalkirche zur Basilika ausgebaut und eingewölbt, aber nach zisterziensischer Art ohne Turm. Das mit großem Streubesitz ausgestattete Kloster war in den folgenden Jahrhunderten ein wesentlicher Faktor der örtlichen Entwicklung. Da Gemeinde und Konvent sich die Kirche gemeinsam teilten, ergab sich aus den divergierenden Interessen beider Seiten nicht selten auch erheblicher Streit.
Als 1477 der Kölner Landesherr Drolshagen die Stadtrechte verlieh, kam es ihm darauf an, im Grenzbereich zu den konkurrierenden bergischen und märkischen Herzogtümern einen befestigten Platz zu haben. So erhielt der etwa 400 Einwohner zählende Ort eine Stadtmauer mit vier Toren, und auch die Basilika bekam nun einen wehrhaften Turm. Die folgenden Zeiten führten durch die reformatorischen Wirren und brachten immer wieder neue Kriege. Drolshagen teilte diese Ängste und Lasten mit dem Lande insgesamt. Im 18. Jahrhundert eskalierten die Streitigkeiten zwischen Kirchspiel und Kloster, konnten aber 1763 durch einen Vergleich beendet werden: die Nonnen wollten ihre Rechte an der Pfarrkirche aufgeben, wenn die Gemeinde dem Kloster eine eigene Kirche baue. Tatsächlich kam diese Klosterkirche in den darauffolgenden Jahren zustande, wurde jedoch mit der Aufhebung des Klosters 1803 und dem anschließenden Verkauf aller Güter gleich wieder der Spitzhacke überlassen, ohne Erinnerungsspuren zu hinterlassen. Ebenfalls abgebrochen wurden zwei der drei Klosterflügel, der Kreuzgang sowie alle Stallungen und Nebengebäude. Nur ein Altar in der Olper Kreuzkapelle und die nach Neuenkleusheim verkaufte Schleifladenorgel regen an, sich den klösterlichen Kirchenraum in Gedanken vorzustellen.
Das immer noch kleine, von einer Stadtmauer eng umschlossene Drolshagen, das neben der Kirche nur strohgedeckte Fachwerkhäuser zählte, wurde im Mai 1838 Opfer eines Brandes, der innerhalb des Mauerringes kein Haus verschonte. Für den anschließenden Wiederaufbau gab man das mittelalterliche Gassennetz auf und legte - wie vorweg in Arnsberg, Schmallenberg und Olpe (aber anders als in Attendorn) - ein streng rechtwinkliges Straßenkonzept zugrunde. Die weiteren hundert Jahre fügten dem neu errichteten Städtchen nur maßvolle Ergänzungen zu. Die bedeutendste davon der Eisenbahnbau von Olpe nach Bergneustadt, der weiterhin nach Köln verband. Es wurde ein Rathaus gebaut, eine Volksschule mit Lehrerwohnungen, und zugleich rückte das beginnende 20. Jahrhundert erste Steinbauten in die ansonsten noch geschlossene Fachwerkwelt. Erst die 50er Jahre, die innerdeutsche Migration, der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung, die tief in die landschaftliche Substanz eingreifenden neuen Autobahnen A 45 und A 4 brachten Veränderungen, welche die geschichtliche Identität des Städtchens mehrfach aufs Spiel setzten.

Was gehört zur "Identität" eines Ortes?

Genau genommen hat bereits das frühe 19. Jahrhundert mit seinen Industrialisierungsprozessen und veränderter Wehrtechnik den meisten deutschen Städten einen guten Teil ihrer gewachsenen Identität genommen. Man brach die mittelalterlichen Wehranlagen ab, schüttete die Stadtgräben zu, räumte die Tortürme aus dem Weg... Der Blick ging kaum zurück, sondern richtete sich fortschrittsgläubig in die Zukunft, ohne zu sehen und zu bedauern, daß wesentliche Strukturelemente der eigenen Geschichte preisgegeben wurden.
Die alte Bebauung wurde streng zusammengehalten durch die umgebende Stadtmauer. Es gab vier Tore aber keine "Hauptstraße". Zu zählen sind 71 eng beieinanderstehende Bauten. Da zu jedem Haus auch Vieh und Stall gehörten, muß man sich das kleine Umfeld mit bäuerlichem Zubehör gefüllt denken, mit Wagen, Gerätschaften, einer Miste; hier und da gab es wohl auch einen winzigen Küchengarten. Die Häuser waren ausschließlich strohgedeckte Lehmfachwerkbauten. Die trockene Zeit, die dem Totalbrand vom 10. Mai 1838 vorausging, ließ das Feuer sofort auf alle Häuser übergreifen. Verschont blieben allein die wenigen, außerhalb der Stadtmauer stehenden Häuser und der damals noch erhaltene Flügel des bereits 1803 aufgegebenen Klosters.
Eigentlich bewahrte innerhalb unserer Region nur Soest sein mittelalterliches Gesicht. Dort weiß man inzwischen, was damit an Werten erhalten und gewonnen wurde. In Drolshagen hat der Abbruch von Mauern, Toren, Klostergebäuden samt der just fertiggestellten Klosterkirche weder Diskussionen noch Protest ausgelöst, ein Vorgang, der sich landesweit in jüngster Zeit wiederholte, als zwischen 1960 und 1980 fast alle Städte und Gemeinden erneut und ohne Skrupel wichtige eigengeschichtliche Zeugnisse für Neuplanungen preisgaben. Daß diese Neubauten das geschichtliche Eigenprofil vernichteten und das Ortsbild nun mehr belasten als erfreuen, erkannte man leider erst hinterher.

Kontroversen um alt und neu

Auch in Drolshagen wurden solche Konflikte ausgetragen: So ging es in den Jahren vor und nach 1970 um eine Erweiterung des Stadtkerns. Die geschichtlich gewachsene Bausubstanz sollte mit mehrstöckigen Flachdachbauten ergänzt werden. Diese Baukörper hätten in ihrer wesentlich veränderten Maßstäblichkeit den kleinteiligen historischen Kern erdrückt. Eine ad hoc gegründete Bürgerinitiative nahm die 500-Jahr-Feier der Stadt zum Anlaß, einen "Rahmenentwurf zur Orts- und Landschaftspflege" vorzulegen, der zwar anfänglich mißachtet, in der Folgezeit aber durch den neuen Stadtdirektor Hermann Schmelzer innerlich angenommen und Schritt für Schritt realisiert wurde. Die bereits verabschiedete Planung wurde wieder aufgegeben, sodaß Drolshagen mit Hilfe des nunmehr beigezogenen Landesamtes für Baupflege in Münster zu einer angemessenen Entwicklung kam, die krasse bauliche Ausreißer vermied.
Bereits einige Jahre zuvor hatte die romanische St.-Clemens-Basilika einen großen Erweiterungsbau erhalten, der die alte Kirche weitgehend schonte und auch dem Ortsbild keinen Schaden zufügte. Wenig später stellte sich die Frage, ob der restliche Teil des Klosters, inzwischen ruinös geworden und allgemein als Schandfleck empfunden, abzureißen oder zu erhalten sei. Die Entscheidung stand auf der Kippe, konnte aber - mit einiger Mühe - zu Gunsten einer umfassenden Renovierung aufgefangen werden. Es gelang dem Stadtdirektor nicht ohne Not, die "eigengeschichtliche Bedeutung" des unansehnlich gewordenen Bauwerks den Stadtverordneten klarzumachen. In diesen Auseinandersetzungen zeigte sich erneut, wie sehr vorhandenes oder fehlendes Geschichtsbewußtsein über Identitätsfragen entscheidet. Genauer gesagt: wie oft nur die Stimme und Argumentation eines einzigen den Ausschlag geben kann. Heute beherbergt der renovierte Klosterbau neben der Kirche Teile der Verwaltung und einen Musiksaal. Seine Gewölbekeller bieten Räume für Geselligkeit und Ausstellungen. Am wichtigsten ist jedoch, daß dieser verbliebene Rest einer sechshundertjährigen Klostergeschichte, die in mancher Hinsicht geistig und geistlich noch nicht eingeholt ist, weiterhin neben der Pfarrkirche dominiert und die geschichtliche Identität Drolshagens bewahren hilft.

Gestaltungssatzungen

In den folgenden Jahren bekam der Stadtkern eine Gestaltungssatzung, die zwar nicht die architektonische Qualität neuer Häuser sichert, wohl aber belastende Querschläger verhindert. Die Freilegung der Fachwerkfassade der Sparkasse am Marktplatz und die Renovierung weiterer Fachwerkhäuser gehört in diesen Kontext. Die darüber hinaus bis heute konsequent verfolgte Linie, die Dachlandschaft im gesamten Drolshagener Land in ihrer bisherigen Einheitlichkeit zu bewahren und die derzeitigen individualistischen Farbtrends auszuschalten, kostet dem heutigen Bürgermeister Theo Hilchenbach zwar Mühe und auch gelegentliche Gerichtsverfahren, erspart dafür aber den Ortschaften ihren Zerfall in eine Art Legoland.
Von besonderer Bedeutung in jedem Ortsbild sind die Eingangszonen und die Gestaltung der Mitte. Der Marktplatz hat in den letzten Jahrzehnten gleich drei Mal ein neues Gesicht bekommen. Inzwischen könnte er eine gewisse "Endgültigkeit" erlangt haben, sofern ihn nicht zuviel Möblierung belastet. Wünschenswert wäre zumal ein Rückbau "renovierter" Hausfronten in den Originalzustand. - Die Eingangssituation in die Stadt aus Richtung Olpe hat durch den neuen Kreisverkehr und die umsichtige Bepflanzung mit Hecken und Bäumen eine freundliche Note gewonnen. Für diesen Bereich am "Mühlenteich" war einmal ein Baumarkt geplant und beschlossen. Seine Realisierung ließ sich nur durch außerparlamentarischen Widerstand verhindern, was über Drolshagen hinaus ein weiteres Mal deutlich macht, daß man die Entwicklung des öffentlichen Raumes den gewählten Gremien nicht immer diskussionslos überlassen darf. Inzwischen sind Bebauung und Gestaltung der Parkplätze gelungen und eine Visitenkarte der Stadt. - Am Ortseingang aus Richtung Bergneustadt, der von Industriezonen belastet ist, sind in jüngster Zeit wichtige Verbesserungen erfolgt. - Insgesamt hat sich das Straßenbild durch neue Bäume und Rosensträucher an den Hauswänden und zumal durch den Austausch des Betonsteinbelags durch Natursteinpflaster auf Gehwegen und Plätzen im Zentrum wesentlich verbessert.

Die umgebende Landschaft

Zu der Aufgabe, die geschichtliche Identität der Heimat zu bewahren, gehört auch Verantwortung für die Landschaft. Dafür ist es wichtig, daß die Ortslage von allen Seiten in die Landschaft eingebunden bleibt, was Bebauungspläne nicht immer beachten. Ein besonderes Problem angesichts der gegebenen Topographie bilden dabei die Industrie- und Gewerbegebiete. In Drolshagen wie in benachbarten Kommunen bieten sich inzwischen nur noch ansteigende oder hoch gelegene Flächen an, deren Bebauung die Landschaft belastet. Es bedarf größter Anstrengungen, die hier errichteten Anlagen in einen Grüngürtel einzubinden, der auch in den Wintermonaten abschirmt und zugleich das Gelände gliedert.
In diesen Zusammenhang gehörte 1985 eine Auseinandersetzung um den Ausbau der L 708, die zur Listertalsperre führt. Es war eine aufwendige neue Trasse in Hanglage geplant mit einem erschlagenden Brückenbauwerk, 480 m lang und 17 m hoch über dem Wasserspiegel. Nur über den Petitionsausschuß des Landtags gelang es einer weiteren Bürgerinitiative, die Millionenplanung zu verhindern und stattdessen die heutige Brücke zu realisieren, die dem See und seiner Landschaft angemessen ist.
Im Blick auf die 57 Dörfer und Wohnplätze des Drolshagener Landes sind unterschiedlichste Verhältnisse zu verzeichnen. Während sich in einigen Dörfern Gestaltungswille regt, bleiben andere ohne Anspruch an sich selbst. Die Stadt unternimmt derzeit Anstrengungen, für eine erste Auswahl Gestaltungskonzepte und -satzungen zu entwickeln. Die damit verbundenen Ziele lassen sich nur in sehr kleinen Schritten verfolgen.

Geschichte verpflichtet

Der skizzierte Rückblick zeigt, wie vielgestaltig aber letztlich auch ungesichert die Entwicklungsprozesse einer Gemeinde sind. Nicht Parteiprogramme garantieren den Erhalt geschichtlicher Identität und eine diesen Anspruch respektierende Zukunftsplanung, sondern oft genug allein die Bildung, der Sachverstand, das Argumentationsvermögen und sogar das taktische Geschick einzelner, wobei Existenz und Kompetenz eines Heimatvereins nicht unwichtig sind. In den kommunalen Parlamenten reicht das versammelte Problembewußtsein oft nicht aus, die Konsequenz planerischer Entscheidungen in ein kritisches Verhältnis zur eigenen Herkunft und Zukunft zu rücken, und gewöhnlich fehlt auch die Bereitschaft, hierfür Gesprächspartner von außen hinzuzuziehen. Dies ist kein Drolshagener, sondern ein allgemeines und grundsätzliches Problem. Man kann es bereits bei Besichtigung fremder Kommunen auf offener Straße studieren.
Ohne zu wissen, was und wie beispielsweise in Lennestadt, Meschede, Sundern oder Warstein je geplant, diskutiert und entschieden wurde, allein ein Spaziergang durch diese Städte belegt von außen, wie Kontinuität und Diskontinuität, Gelingen und Mißlingen ineinandergreifen, wie sich Phasen manchmal erschütternder Geschichtsvergessenheit mit neuen Korrekturansätzen verbinden. Demgegenüber präsentiert sich etwa Schmallenberg mit seinen Dörfern in größerer Ungebrochenheit, läßt bedeutend geringere Defizite erkennen, wenngleich auch hier das geschichtliche Erbe, von dem diese größte Landgemeinde Nordrhein-Westfalens touristisch lebt, keineswegs gesichert ist, sondern immer wieder neu erworben werden muß.

Wahrnehmung und Reflexion der Veränderungsprozesse

Wir haben bisher Geschichtsbewußtsein mit dem Erscheinungsbild einer Stadt oder Gemeinde verbunden und dabei die unverschuldeten Verluste durch Brand oder Kriege übergangen. Aber was ist geschichtliches Bewußtsein? Daß nahezu jeder Ort Vergangenheit hat, versteht sich. Hat er deswegen auch schon Geschichte? Zur Geschichte der eigenen Heimat gehört neben Kenntnissen ein Reflexionsvermögen, das emotionale Bindungen einschließt. Wissen allein um die eigene Herkunft reicht nicht aus. Herkunft will auch im Gemüt verwurzelt sein und in ihren Werten so erfaßt werden, daß sie Engagement, ein von Situationen und Vorgängen angeregtes Handeln weckt.
Dieser Bildungsprozeß muß breit angelegt und gefördert werden, sodaß wenigstens eine maßgebliche Minderheit öffentlichen Einfluß zu nehmen versteht. Dazu gehört, die Landschaft zu erfassen, wie sie überkommen ist und sich verändert; den Wandel der Dörfer zu erkennen, Straßen, Plätze und Häuser, die bei jedem neuen Schritt der Gefahr ausgeliefert sind, ein geschichtliches Detail nach dem anderen preiszugeben: mal die Tür, dann die gesprossten Fenster, danach einen verschwisterten Baum, ein altes eisernes Geländer, einen dorfbildprägenden Freiraum... Wahrzunehmen ist auch, wie schreiende Reklameträger hier eine Hausfront erschlagen, dort eine ganze Straßenzeile zerreißen... Das alles wahrzunehmen, macht nicht immer Freude, sondern stiftet oft Betroffenheit und Abwehr. Eine motivierte Heimatpflege kann dennoch nicht darauf verzichten.
Dazu gehört auch der Blick über die eigene Gemeinde hinaus, um Lösungen zu studieren, die zu Hause noch unbefriedigend sind, etwa wie Wasserläufe in das Gesamtbild einzubeziehen sind oder Neubaugebiete eine Gestalt gewinnen, die der Identität des Ortes zugehörig bleibt. Stets wird man gängigen Modetendenzen entgegenarbeiten müssen. Von Rio de Janeiro bis Halbhusten herrscht ja die Neigung zur Einebnung regionaler Identität.

Grundlagenarbeit

Kommunen, die sich einem solchen Geschichtsbewußtsein verpflichten, müssen sich sputen. Die Grundlagen sind schon früh zu legen, in den Familien und in der Schule. Für die Schule stellt sich die Frage, welche Präsenz die Heimat im Unterricht findet und wie weit ihre Geschichte und Gegenwart sich mit dem Lehrplan verbindet. Viel gewonnen wäre, wenn wir eine geschichtlich orientierte und zugleich aktuelle Heimatkunde - für das kurkölnische Sauerland? für einzelne Religionen? gar für Gemeinden? - entwickeln könnten, die den Deutschunterricht, Biologie, Erdkunde, Geschichte, Religion und Kunst mit einbezieht, so daß der reguläre Unterricht einen Teil seiner Inhalte an örtlich relevanten Themen entfalten lernt. Beispielsweise ließe sich das Sauerland als ein aufgeschlagenes Religionsbuch betrachten: Mit seinen Kirchen und Kapellen, Skulpturen und Bildern. Sie erzählen Geschichten, die in ihrer heimatlichen Rückbindung wirkmächtiger sind, als wenn sie aus einem Schulbuch vermittelt werden - und dies gilt ähnlich für alle anderen Fächer.
Jenseits der Schule sind in jüngster Zeit viele Ortschroniken entstanden, die oft in respektabler Weise die Geschichte der eigenen Heimat erschließen. Aber dieses bereitgestellte Wissen für die Gegenwart fruchtbar zu machen, ist an eine nicht immer verfügbare Übersetzungskunst gebunden. Es bleibt zu prüfen, wie konkret sich die Geschichte und das aktuelle Leben des Ortes verbinden lassen. In Drolshagen zum Beispiel hat man den steinernen Löwen vom ehemaligen Kriegerdenkmal in den Park gebracht; dort liegt er nun friedlich auf dem Rasen und die Kinder können auf ihm herumturnen; vor dem verblieben Reststück der Stadtmauer steht ein altes Friedhofskreuz; in dessen Leibung brennt ein Licht, sooft nebenan im Totenhaus ein Verstorbener liegt; auf den Bürgersteigen sind bronzene Tafeln eingelassen, die den Verlauf der ehemaligen Stadtmauer anzeigen; an einigen Häusern begegnen, mal hier, mal da, kleine Besonderheiten, die von alter Zeit erzählen, sei es ein Gedenkstein der Äbtissin Anna Elisabeth von Neuhoff, Grabsteine des 18. Jahrhunderts vom ehemaligen Friedhof an der Kirche oder auch die hintergründigen Sinnsprüche am Brunnen auf dem Marktplatz.
Für das geschichtliche Bewußtsein ist wichtig, daß Stadt und Dorf erzählenden Charakter haben. Dazu tragen Denkmäler, Skulpturen und Bilder im Straßenbereich bei, aber auch Häuser, mit denen sich noch Geschichte verbindet, die die symbolischen Schmuck tragen oder die mit Inschriften an ihre Erbauer und deren Wünsche erinnern. Wenn hier eine Gedenktafel, dort ein Wegkreuz oder ein Bildstock, dann wieder eine betretbare Kapelle die Straße säumen, an geeigneten Orten eine Bank zum Verweilen einlädt, erschließt sich die Heimat dem mußevollen Blick wie dem stillen Genuß, wenngleich dies für unterschiedliche Lebensalter in unterschiedlicher Weise gilt.
Überhaupt sollte es neben Zonen des Verkehrs und Einkaufs auch Orte der Zurückgezogenheit und Ruhe geben: Kirchen und Kirchplätze, Höfe und Gärten, verkehrsfreie Wege für Fußgänger und Nischen der Erinnerung, der Sammlung, der Beruhigung des Auges, des Hörens nach innen.
Die Gestaltung des öffentlichen Raumes hat unter diesen Aspekten nicht immer hinreichende Aufmerksamkeit gefunden, wenngleich Fußgängerzonen manchen Räumen ein Stück Lebensqualität zurückgegeben haben. An einigen Plätzen sollte es möglich sein zu verweilen.

Beständige Weiterbildung

Um den hier beschriebenen Anregungen und Wünschen Resonanz zu schaffen, müßten die Periodika der Heimatpflege gezielter eingesetzt werden. Die Verwaltungen würden davon profitieren, wenn die eigenen Ratsmitglieder Abonnenten unserer Zeitschrift "Sauerland" und im Südsauerland auch der "Heimatstimmen aus dem Kreis Olpe" wären oder wenigstens immer wieder spezifische Beiträge daraus zur Kenntnis gebracht bekämen. Viele Entscheidungen finden nur aus einem tieferen Verständnis für Geschichts- und Heimatbewußtsein Unterstützung; dazu bedarf es beständiger Weiterbildung.
Städte oder Gemeinden müssen in der Tat vieles tun, damit die eigene Bevölkerung sich ihrer Geschichte bewußt bleibt. Die hierfür aufgewandten Anstrengungen sind auch soziale Investitionen, denn je mehr die Heimat Alteingesessene und Neubürger integriert, umso geringer bleiben soziale Schäden. Darum sei abschließend als Standardprogramm einer kommunalen Agenda gewünscht: Immer wieder neue Ermutigung aller in der Heimatpflege engagierten Vereine und Personen; Ausstellungen, die mit besonderen Aspekten der lokalen Geschichte und ihrer gegenwärtigen Problematik bekanntmachen; Erkundungsgänge durch die Gemeinde mit allen hierfür engagierten Bürgern, um die Zu- und Notstände in Stadt und Dorf zu besichtigen und zu beraten; jährliche Sitzungen, die mit den ehrenamtlich engagierten Bürgern kulturelle und eigengeschichtliche Aufgaben und Erfordernisse erörtern... Wenn Gemeinden solche Wege gehen, verbreitern und vertiefen sie die Heimatverbundenheit ihrer Bürger und binden sie zugleich in notwendige gemeinsame Anstrengungen ein.

Drolshagen nach einer Zeichnung von René Roidkin, um 1730