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Hier geht es um die Kunst, sehen zu lernen!

"Man sieht oft etwas hundertmal, tausendmal, ehe man es zum allererstenmal wirklich sieht", hat Christian Morgenstern gesagt. Und zu ergänzen wäre: Vieles, allzu vieles, sehen wir ein Leben lang nur mit stumpfen Augen. Um wirklich sehen zu können, muß die tägliche Gewöhnung durchbrochen werden, sind Vergleiche wichtig, ein bewußtes Wahrnehmen. Vor allem aber: Vieles sehen wir nur, wenn wir entsprechendes Wissen haben. Das gilt für das Betrachten von Bildern, für das Lesen alter Texte, es gilt auch für die Wahrnehmung der eigenen Welt. Zwar kennt jeder das Haus, in dem er wohnt, auch dessen Nachbarschaft und Umgebung, aber was weiß er von der Zeit, aus der es stammt, von dem Stil, in dem es einmal geplant und gebaut wurde? Und welches Wissen hat er von der Herkunft und Geschichte der benachbarten Häuser, von Straße und Dorf? Je mehr wir das eine mit dem andern verbinden können, um so mehr sehen wir.

Viele gehen geschichtslos durch die Welt. Angenommen, die Großeltern, gar Menschen vergangener Jahrhunderte, könnten uns begleiten: mit welchen Augen würden sie unsere heutigen Dörfer sehen? Worauf würden sie uns aufmerksam machen? Manche Veränderung fände ihre Bewunderung, manche aber auch ihr Unverständnis und ihre Kritik. Könnten sie noch den Zusammenhang zwischen einst und heute wahrnehmen, oder lautete ihr Urteil: das Dorf hat seinen Charakter verloren? Die Straße wurde zur Rennpiste, man kann dort nicht mehr sitzen!

Oder würden sie sagen: Was ihr renoviert und neu dazu gebaut habt, bekam ein fremdes, unpersönliches Gesicht. Und was habt ihr mit den alten alten schönen Bäumen gemacht? Mit den Hecken, dem Holunder, den versteckten Winkeln und schattigen Wegen?

Noch seltener richtet sich der Blick auf die Welt, die wir unseren Kindeskindern hinterlassen. Tatsächlich gibt es ja eine reale Heimatvertreibung durch falsches Bauen: wenn man in eine intakte Landschaft unsensibel einem Gewerbebetrieb setzt, einen Großmarkt nackt in ein Wiesental stellt, dem Verkehr noch mehr Straßen opfert, so daß die Zonen der Stille und des ungestörten Lebens immer kleiner werden, entsteht dadurch nicht mehr sondern weniger Lebensqualität. Natürlich brauchen wir Fabriken, Märkte, Straßen, aber sie sollen der Landschaft gerecht werden, sie nicht zerstören. Auch Zweckbauten müssen nicht häßlich sein.

Diese Schrift möchte die Augen öffnen für die gebaute Welt, in der wir leben, und die wir durch eigene Blindheit oft unnötig belasten. Sie wendet sich nicht nur an solche, die das eigene Haus renovieren oder ein neues bauen wollen, sondern auch an die vielen, die von sich glauben, daß sie keinen Einfluß auf die Veränderung ihrer Umgebung haben. Je mehr Bürger einen wachen, kritischen Sinn für alles Geschehen ringsum gewinnen, desto leichter ist es, das Gesicht unserer Heimat zu bewahren. Alle, die sich um die Entwicklung ihrer Dörfer Gedanken machen, sich am Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" beteiligen, die in kommunalen Entscheidungsgremien sitzen oder durch ihre Vereinsarbeit in die Öffentlichkeit hinein wirken, sind gebeten, der Verbreitung und Beachtung dieser Schrift zu dienen.

So oder so?